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Buchtipp: Mit Frieden (und Nähe) gewinnt man alles

Es ist eines jener Bücher, bei denen man es schade findet, wenn sie ausgelesen sind. Das Gespräch in Textform könnte immer weiter und weiter mäandern, und wäre weiterhin anregend für Geist und Seele.

Unser Vizepräsident des Europa-Parlaments, Othmar Karas, hatte vor Weihnachten im Rahmen der von meiner Kollegin Angelika Winzig initiierten Übergabe des Bethlehem-Friedenslichts im Europa-Parlament dieses Buch hochgehalten und dessen Titel erwähnt. Ein lieber Freund – und Mönch – hat mir dann zu Weihnachten ein Exemplar geschenkt. Dafür bin ich sehr dankbar. Es war eine bereichernde Lektüre rund um den Jahreswechsel:

Der französische Intellektuelle Dominique Wolton hat etwa ein Dutzend Gespräche mit Papst Franziskus geführt, und die Gesprächsverläufe in Buchform festgehalten. Kürzlich ist nach einiger Zeit die deutschsprachige Version erschienen (Herder Verlag, 320 Seiten). „Mit Frieden gewinnt man alles.“ Das ist der schöne Titel. Zwischen den Passagen aus den Ausführungen von Papst Franziskus, die den größten Teil des Buches ausmachen, sind nicht nur die Fragen von Wolton lesenswert, sondern auch seine Betrachtungen jeweils am Beginn eines Kapitels.

Es ist nicht ein „frommes“ Buch im Sinne der Reflexion religiöser Themen. Es ist ein politisches Buch mit zahlreichen ethischen, moralischen, auch religiösen, aber auch wirtschaftlichen, soziologischen, wissenschaftlichen oder kulturellen Bezugspunkten. Der Papst spricht im Plauderton über die großen Fragen der Menschheit und des einzelnen Menschen, vielfach mit Geschichten aus dem eigenen Leben. Franziskus präsentiert sich hier einmal mehr furchtlos und formulierungsstark, aber auch mit ernster und klarer Selbstkritik, wie man das sonst von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens kaum kennt. Teil des Buches sind auch einige Texte und Ansprachen des Papstes.

Hier versuche ich, auf drei Konstanten im Denken und Sprechen des Papstes, drei wichtige „Fixsterne“ seiner Haltung eingehen, nennen wir sie „Kommunikation“, „Politik“ und „Demut“:

I. Kommunikation

Diesen wissenschaftlich sehr technisch definierten Begriff, der alltäglich auch zum Allerweltswort zu verkommen droht, lotet Franziskus in seiner ganzen Tiefe aus. Er wählt einen unerwartet anderen Zugang, der zumindest zum Nachdenken bringt:

Besonders wichtig ist ihm, dass wahre Kommunikation gleichsam „auf Augenhöhe“ stattfinden muss. Dass der einzelne Mensch gefordert ist, auf den anderen zuzugehen, sich auf den anderen Menschen einzulassen. Konkret gibt Franziskus Hinweise, die zuerst paradox wirken, aber dann einleuchtend sind: „Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass ich nicht ohne Schweigen kommunizieren kann. (…) Au dem Schweigen erwächst die Fähigkeit, zuzuhören, zu verstehen, oder es zu versuchen, zu leiden, wenn man etwas nicht versteht. (…) Die echte Kommunikation ist menschlich.“

Noch wichtiger als das Schweigen scheint dem Papst „Nähe“ zu sein. An vielen Stellen thematisiert er das, beispielsweise wenn er sagt, „das Mittel der Politik ist Nähe“, oder – an einer anderen Stelle – „Erstens: die Nähe. Wenn die Leader der Kirche (…) dem Volk nicht nahe sind, dann verstehen sie das Volk nicht und tun nicht das Richtige.“

Er meint die Nähe in geistiger, mentaler, Hinsicht, aber nicht nur, wenn er sagt: „Denken Sie mal an das, was man zu hören bekommt, wenn man auf eine Beerdigung geht! Dieses Lamentieren! Statt sich in die Arme zu nehmen sich zu umarmen. Vor dem Mysterium eines anderen Menschen kann man nur schweigen. Wenn ich jemandem etwas vermitteln will, dann muss ich versuchen, mir klarzumachen, wer ich bin: Wer bin ich vor dem Mysterium eines anderen Menschen? Und ich muss aus dem tiefsten Inneren meines eigenen Mysteriums, meiner Erfahrung kommunizieren und so wenige Worte machen wie möglich. Und in Grenzsituationen nur durch Berührung.“

Menschen kommunizierten „mit Worten, Zärtlichkeiten, Sexualität, Schweigen. Und das alles ist heilig“, so der Papst: „Die Kommunikation kann man nicht kaufen. Und man kann sie nicht verkaufen. Sie ist ein Geschenk. Man kann auf authentische Weise kommunizieren, wie wir es hier tun. Wenn man dagegen nur so tut, als würde man kommunizieren, dann fällt das unter Manipulation, Täuschung.“

Die Medien, so Franziskus, müssten sich vor „vier Klippen“ in Acht nehmen. Diese seien die Desinformation, die Verleumdung, die Diffamierung und voyeuristische Berichte. – Ich denke, man darf den Papst so verstehen, dass das für alle Kommunikatoren gilt, die ein breiteres Publikum erreichen.

II. Politik

Mehrfach zitiert Franziskus Papst Pius XI, für den „Politik eine der erhabensten Formen der Nächstenliebe ist.“ Um nicht Missverständnissen Vorschub zu leisten, macht der heutige Papst an mehreren Stellen klar, wie das nicht gemeint sei: „Ideologien können keine Politik machen. (…) Wir haben im letzten Jahrhundert viele gesehen. Ideologien, die politische Systeme hervorgebracht haben. Und die funktionieren nicht“, betont Franziskus.

Selbstverständlich erinnert der Papst daran, dass Christen sich verschiedenen Parteien zugehörig fühlen können, und dass Parteien nicht notwendiger Weise das Adjektiv „christlich“ tragen müssten, um entsprechende Werte zu vertreten, und dass Parteien, die exklusiv für Christen zugänglich wären, widersinnig wären.

Eine Frage von Wolton lautet: „Was ist die einfachste Botschaft, die Sie jemandem mitgeben können, wenn Sie ihm raten wollen, sich in der Politik zu engagieren?“ Die Antwort von Franziskus fällt so aus: „Dass er es tut, um zu dienen. Dass er es aus Liebe tut. (…) Dass er es tut, wie die großen europäischen Politiker es getan haben. Denken Sie an die drei Gründer Schuman, Adenauer, De Gasperi. Das sind Vorbilder.“

An manchen Stellen ist das kirchliche Leben und Wirken Thema des Gesprächs, worauf einzugehen hier aber nicht der Platz und nicht der Ort ist. Manchmal hat man aber die Vermutung, dass etwas, das der Papst für das kirchliche Verhalten sagt, auch für politisches Verhalten verstanden werden darf. An einer Stelle führt er diese Sphären auch verbal zusammen, wenn er sagt: „Das ist die Schlussfolgerung, auf die ich hinaus will: Es kann keine Kirche Jesu Christi geben, die sich von den Menschen fernhält. Die Kirche (…) muss den Menschen nahe, muss mit den Leuten verbunden sein. Sonst würde sie sich genauso verhalten wie manche Politiker – nicht alle, ich will sie nicht pauschal verurteilen -, die sich nur im Wahlkampf für die Leute interessieren und sie danach wieder vergessen. Für mich ist die Nähe (…) der Schlüssel.“ – Wieder sehen wir das Motiv der „Nähe“, und können langsam begreifen, wie Franziskus das meint.

III. Demut

Es ist nicht einfach, diesem dritten Bereich eine zutreffende Überschrift zu geben. Es geht dem Papst um die erwähnte „Augenhöhe“ zwischen Menschen, um Hierarchiefreiheit in der Kommunikation, um die Annahme des anderen Menschen, um Respekt und ein Verständnis des Daseins und Interagierens als Dienst. Dabei macht Franziskus niemandem vor, dass der Weg immer nur einfach sei. Dann doch mit einem religiösen Bezug erklärt er: „Wo sagt der Herr in den Evangelien, dass man auf Nummer sicher gehen soll? Er hat im Gegenteil gesagt: Sei wagemutig, geh‘ hinaus, vergib‘!“

Immer wieder kommt der Papst auf die vier Schritte im Umgang miteinander, die er in seinem Schreiben „amoris laetitia“ thematisiert, zu sprechen: „annehmen, begleiten, unterscheiden, eingliedern“. Und er zeigt auf, wie ähnlich wir alle sind: „Um das Volk zu verstehen, muss man in ein Dorf in Frankeich, in Italien oder in Amerika fahren. Das ist überall dasselbe. Und dort sieht man das Leben (…). Aber man kann es nicht erklären.“

Was das gesamte Gespräch in Buchform durchzieht, ist ein feiner Humor beider Gesprächspartner, wobei die Pointen oft auf der Seite des Papstes sind. So sagt Franziskus beispielsweise auf Woltons Hinweis „Der Unterschied zwischen uns beiden ist, dass Sie immer und überall den Heiligen Geist sehen und ich, ich bin da nicht so sicher. Verstehen Sie?“ Folgendes: „Sie kommen in die Hölle.“ (lacht)

3. Januar 2020 Blog

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